Erste Pläne für ein neues Bootshaus 1918

"Der Ruderclub Nassovia steht vor einer schweren Aufgabe. Wir sind gezwungen, das uns lieb gewonnene Heim auf der Schützenbleiche zu verlassen und müssen uns ein neues Clubhaus erbauen." - Ganz klar, dieses Zitat muss aus den späten Fünfzigern oder vom Anfang der sechziger Jahre stammen. Liest man die Schlusspassage aus dem zitierten Rundbrief an die Vereinsmitglieder, so stellt man fest, dass das Schreiben schon älter sein muss. "Wir benutzen die Gelegenheit, unsere feldgrauen und marineblauen Kameraden zu bitten, uns in Bezug auf Adressen, Beförderungen und Auszeichnungen auf dem Laufenden zu halten. Mit deutschem Rudergruß".

 

Der Brief stammt aus dem Mai 1918, also ein halbes Jahr vor dem Ende des ersten Weltkriegs.

 

Erstaunlich für uns, dass man sich während des Krieges mit einem Bootshausneubau beschäftigte. Auch wurden hier schon ein Bootshausfond angeregt und Spenden als Bausteine angedacht, Ideen, die Jahrzehnte später beim Bau unseres heutigen Bootshauses wieder aufgegriffen wurden.

 

Schon bald nach dem Krieg und nur 19 Jahre nach Errichtung des Bootshauses an der Schützenbleiche schrieb man einen Wettbewerb aus, um neben der Mainmühle auf städtischem Gelände großzügig neu zu bauen. 1923, zwei Jahre später, hatten die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland die Vereinsleitung dann unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Inflation ließ eine Verwirklichung des preisgekrönten Entwurfs nicht zu. In einem Schreiben an die Mitglieder aus dem Jahr 1926 war der Rudergruß am Ende nicht mehr deutsch sondern treudeutsch und der Wunsch nach einem neuen Bootshaus der Bitte um Spenden für einen Bootshallenanbau gewichen:

 

"Die unzulänglichen Raumverhältnisse in unserem alten Bootshaus, insbesondere des Ankleide- und Waschraums sowie der Bootshalle und der damit verbundenen Unzuträglichkeiten machten es dem Vorstand zu unabweisbarer Pflicht, für Abhilfe zu sorgen. Der ursprüngliche Plan eines Bootshausneubaus mußte der unerschwinglichen Kosten wegen fallengelassen und an die Schaffung eines fur eine Reihe von Jahren genügenden Provisoriums gedacht werden. Im Frühjahr diesen Jahres wurde nun auf dem an unsere alte Bootshalle angrenzenden Grundstück, das uns in freundlicher Weise zu diesem Zweck überlassen wurde, eine neue Bootshalle errichtet mit geräumigem Ankleideraum und einem Waschraum mit kalter und warmer Dusche. Das alte Bootshaus hat einen neuen Anstrich erhalten, das Dach und der darauf befindliche Aufbau mit Flaggenmast sind erneuert worden.

 

In dem Bestreben, neben der Ausübung des Rudersports den Mitgliedern Gelegenheit zu jeder Art Leibesübungen zu geben, wurde das hinter der Halle liegende Gelände mit größter Mühe zu einem Sportplatz umgestaltet mit einer Laufbahn und Gelegenheit zu Hoch- und Weitsprung, Kugelstoßen und Ballspiel, sodaß sich unsere sportlichen Anlagen neben den Anlagen anderer sporttreibender Vereine wohl sehen lassen können.

 

Die Durchführung dieser Pläne erfordert naturgemaß einen großen Kostenaufwand, dessen Deckung zum Teil gedeckt wurde durch ein größeres Darlehen, das uns zu einem sehr mäßigen Zinsfuß von einer Seite zur Verfügung gestellt wurde, die stets in hochherziger Weise sich die Förderung des Sportes und insbesondere unseres schönen Rudersportes angelegen sein ließ. Zur vollständigen Bestreitung der entstandenen Kosten sind aber weitere Mittel erforderlich. Der Vorstand wendet sich deshalb an den in früheren Jahren so oft gezeigten Opfersinn der Mitglieder und bittet auch Sie um Ihre Mithilfe.

 

Wir gestatten uns, eine Zahlkarte hier beizulegen und bitten auch Sie, den uns zugedachten Betrag, ob Groß oder Klein, auf unser Postscheckkonto überweisen zu wollen. Die eingehenden Beträge werden ausschließlich zur Tilgung der Ausgaben verwendet, die durch die oben geschilderte Umgestaltung unserer Anlagen entstanden sind."

 

Das "Provisorium" wurde nochmals 1950-52 erweitert und hielt weitere 40 Jahre. Für einen Weltmeistertitel wurde hier unter zugegebenermaßen spartanischen Verhältnissen die Voraussetzung geschaffen und wer im alten Bootshaus bis zum Anschlag gefeiert oder auf der Wiese gegen den Ball getreten hat, wird sich immer mit Vergnügen an dieses Domizil erinnern.

 

Wolfgang Reiter, März 2003