Viel Neues im Osten - Eine Wanderfahrt in Polen

Ende 2011 erhielt die Nassovia eine Rundmail mit umfangreichen Fahrtenbeschreibungen aus Polen. Der Ruderclub PTW Tryton aus Poznan/Posen lud mit dieser Mail zahlreiche Rudervereine in Deutschland zur Teilnahme an organisierten Wanderfahrten auf der Warthe, der Netze und den Masurischen Seen ab Poznan ein. Rennruderer und Mastersruderer kennen Poznan von Regatten auf dem bekannten Malta-Regattasee, aber Wanderrudern, geht das auch in Polen?

 

Ausprobieren dachten wir uns und meldeten uns also zur einer Wanderfahrt von Uniejow nach Poznan über insgesamt 230 km auf der Warta an. Zumal die Frage des Bootstransports über 800 km von Frankfurt nach Poznan keine Frage war, da uns ein Rund-um-sorglos-Paket für 6 Tage inklusive Bootsausleihe, Übernachtungen und Vollverpflegung für nur 290 EUR angeboten wurde. Blieb also nur noch die An- und Abreise zu organisieren, was mit den preiswerten Polenbussen ab Ffm - Hbf für 94 EUR gelang. Und da Ruderer bekanntlich über gutes Sitzfleisch verfügen wurde auch die 12-stündige Busfahrt über Nacht auf einer Backe abgeritten.

Ankunft in Poznan morgens um 7:00 Uhr. Im Hostel trafen wir auch Martin, einen 72-jährigen Mitruderer aus Dessau, der sich ebenfalls für diese Wanderfahrt angemeldet hatte. Auch wenn das Bett im Hostel nach der nächtlichen Busfahrt sehr verlockend war, wurde erst einmal in der Stadt ein Frühstückscafe gesucht. Und gefunden: in einer wunderschönen Altstadt mit großem historischen Marktplatz, einer zum modernen Einkaufszentrum umgebauter alten Brauerei in faszinierender Backsteingotik und einem schönen Stadtschloss.

 

Um 16 Uhr waren wir dann nach kurzer Ruhepause im Ruderverein verabredet um die Boote abzuriggern und zu verladen. Leichtes Staunen, den die vorgesehenen Boote würden bei uns wohl in der letzten Ecke des Bootshauses einstauben und ein Gnadendasein fristen. Nicht so beim Ruderverein Tryton. Liebevoll aufgearbeitet, improvisiert repariert aber voll ruderfähig sollten uns „Wicher“ (Sturm) und „Monsun“ die nächsten Tage gut und sicher über 230 km transportieren, inklusive unserem 6-Tages-Gepäck.

 

Nach dem Verladen ging es dann zur „offiziellen“ Stadtführung durch Lukasz, unserem polnischen Fahrtenleiter, der trotz seiner jugendlichen 24 Jahren eine perfekt organisierte Wanderfahrt auf die Beine gestellt hat und mit seinem Fahrtenprogramm Ruderwanderfahrten und den Wassertourismus in Polen in Schwung bringen möchte.

 

Eine 3-stündige Fahrt mit einem Kleinbus brachte uns am Dienstagvormittag mit den Booten bei strömendem Regen zum Startpunkt nach Uniejow, einem kleinen Thermalbadeort in 150 km Entfernung von Poznan. Und hier lernten wir erstmal die sprichwörtliche Ruhe unseres Fahrtenleiters kennen: Obwohl schon 13 Uhr und noch 34 Km Ruderstrecke vor uns, wurde zuerst gemütlich zu Mittag gegessen und dann erst die Boote abgeladen und aufgeriggert, bevor es um 15:30 Uhr von einer Sandbank auf die thermalwasserwarme Warthe ging. Ab jetzt hieß es aufpassen, denn die extrem stark mäandrierende Warta war hier im Oberlauf teilweise nur 40 cm tief und von Hindernissen gespickt. Außerdem fuhr der Zweier noch ohne Steuermann und der Vierer mit Lücke. Die freien Roll- und Steuersitze sollten erst später mit Lukasz` Ruderfreunden aus Poznan besetzt werden. Hervorragend organisiert war auch das Wetter, genau zum Start um 15 Uhr hörte der Regen auf und sollte erst wieder nach unserer Ankunft in Poznan am Sonntag einsetzen.

 

Nach einer ersten Übernachtung in einem kleinen Hotel in Kolo, ging es von einem kleinen Sporthafen, in dem die Boote über Nacht vertäut liegen blieben, weiter nach Konin. Unzählige Kühe schauten uns verwundert vom Ufer zu, während wir durch eine wunderschöne, naturbelassene Flusslandschaft ruderten. Kein Motorboot, kein Frachtschiff störte uns beim Rudern nach Konin, wo uns Ascha, eine junge Englischlehrerin erwartete um unsere Bootsbesatzungen zu verstärken. Übernachtet wurde diesmal in einem Studentenwohnheim in 2-Bettzimmern, und da es in unmittelbarer Nähe keine Kneipe gab, wurde wie es sich für ein Studentenwohnheim gehört, nach einem Lidl-Einkauf in der Wohnheimküche noch bis spät in die Nacht bei einem improvisierten Buffet gefeiert.

 

 

Zufriedene Wanderfahrer
Zufriedene Wanderfahrer

Am 3. Tag ging es über 36 km weiter nach Lad. Auch hier gab es einen kleinen Sportboothafen mit Kajakverleih, wo wir nach der Ankunft erstmal einkehren und den Flüssigkeitsverlust ausgleichen konnten. Heute war Gepäckschleppen angesagt, denn unsere Unterkunft war ein kleines Schlösschen in 1 km Entfernung in unmittelbarer Nähe zu einem großen Salesianer-Kloster. Einem sehr schön sanierten Barockkloster das 1175 durch Herzog Miezko gegründet wurde und bis Mitte des 16. Jahrhunderts von Kölner Franziskanermönchen besetzt wurde. Von 1850 bis 1864 wurde das Kloster durch Kapuzinermönche genutzt, das wir noch vor dem Abendessen von den Mönchen gezeigt bekamen.

 

Nach einem opulenten 3 Gang Menü im Schloss, einem von einer Universität genutztem naturkundlichen Schulungszentrum, ging es nochmals zum Hafen wo unsere polnischen Ruderkameraden uns in die Geheimnisse des richtigen Wodkatrinkens (ein großer Schluck Wodka in den Mund, dann Apfelsaft hinterher und dann erst schlucken!!) einwiesen. Entsprechend schwer fiel das Aufstehen am nächsten morgen und bis zur Mittagspause ruderten diesmal auch einige Kater in den Booten als blinde Passagiere mit. Ab hier kamen im Wechsel mit Ascha die Ruderer Kascha und Jiri hinzu, sodass erstmals alle Rollsitze besetzt waren. Diese Tagesetappe führte uns durch ein Naturschutzgebiet mit Elchen, Wölfen und Bibern. Leider war von den tierischen Bewohnern des Waldes vom Fluss aus nichts zu sehen. Lediglich unzählige Bäume, darunter Eichen mit einem Stammdurchmesser von bis zu 100 cm, wiesen die typischen Fraßspuren der Biber auf und standen teilweise nur noch auf minimalen Stammstärken. Ziel war heute ein Pferdegestüt in Hermanow. Hier übernachteten wir in einem Nebengebäude in zwei großen Bettenlagern, die wir für uns alleine hatten.

Auch die nächste Etappe führte uns wieder in ein Pferdegestüt nach Jaszkowo, wo zeitgleich mit unserer Ankunft ein großes Reitturnier stattfand. Die Mittagspause wurde vorher auf einem schön gelegenen Grillplatz am Ufer der Warthe gemacht. Das erste Spiel unserer Jogi-Jungs bei der Fußball-EM sahen wir also mit zahlreichen polnischen Reitern in der Gaststätte des Gestüts. Überwiegend Portugal-Fans wie feststellen mussten, also hielten wir uns höflich zurück und freuten uns entsprechend leise ;-).

 

Auf der letzten Etappe nach Poznan wurden wir Mittags von Ascha mit selbsgebackenen Kuchen und Kaffee überrascht, sodass die Pause etwas länger als geplant ausfiel. Aber von hier aus waren es auch nur noch 18 km bis zum Steg des Rudervereins Tryton, den wir kurz nach 16 Uhr erreichten. Während wir die Boote putzten und der Grill zum Abschiedsgrillen vorbereitet wurde, öffneten sich alle Schleusen von oben und es begann heftig zu schütten. Der erste Regen seit unserem Start vor 5 Tagen, das hätte nicht besser organisiert sein können.

 

Fazit:

Diese 1. Wanderfahrt von Nassoven in Polen war eine tolle Erfahrung. Eine wundervolle, natürliche und unverbaute Flusslandschaft, überaus gastfreundliche Polen, die uns trotz der traurigen gemeinsamen Vergangenheit von 1939 - 40 ohne Vorbehalte und voller Stolz ihre schöne Heimat zeigten. Eine freundschaftliche Begegnung mit polnischen Ruderkameraden die sich auf weitere Besuche aus Deutschland freuen. Und die wir gerne zu einem Gegenbesuch an Main und Rhein eingeladen haben.

 

Wir sind daher gespannt auf das Fahrtenprogramm 2013 des PTW Tryton und können die Teilnahme an den hervorragend organisierten Touren von Lukasz Kazmarek nur jedem Nassoven empfehlen.

 

 

Michael Mayer-Marczona

Dominik Schenkel

Susann Marczona

Kathrin Kühn