Höchster Ruderer auf großer Fahrt

 

Zwei Mannschaften des Ruder-Clubs Nassovia Höchst nahmen als einzige deutsche Vertreter an der diesjährigen Traversée de Paris teil und erleben die Stadt aus einer neuen Perspektive.
 

„Da ist ja die Freiheitsstatue“, rief Steuerfrau Steffi Barthels begeistert, als die markante Figur mit einer Fackel im ausgestreckten Arm nach einer langgezogenen Kurve im Licht der aufgehenden Sonne auftauchte. Hier stand sie, die kleine Schwester einer New Yorker Berühmtheit und zeigte den Ruderern der Nassovia Höchst den Weg zum Pariser Osten. Am Sonntag, dem 25. September 2011 versammelten sich 130 Ruder-Clubs aus aller Welt zur alljährlichen Traversée de Paris, der traditionellen Parisquerung auf der Seine. Zwei Boote kamen aus Deutschland - vom westlichsten der Frankfurter Ruderclubs am Main.

 

Dieses 11,50 m große Geschenk der USA an die Stadt Paris am westlichen Ende der Île aux Cygnes sollte nicht der einzige Höhepunkt der Fahrt bleiben. Der Fluss, der sich durch die am dichtesten bewohnte Metropole Europas schlängelt, wird geradezu von architektonischen Superlativen umzingelt. Schon wenige Meter nach der Statue unterquerten die Boote jene doppelgeschossige Pont de Bir-Hakem, die kürzlich im Film „Inception“ mit Matt Damon beeindrucken in Szene gesetzt wurde, die nur wenige Augenblicke später die komplette Bootsmannschaft aus dem Takt brachte, in dem sie den Blick auf das wohl bekannteste Pariser Wahrzeichen freigab.

 

Nach einem ordentlichen „Ruder halt“-Manöver, stoppte das mit vier Ruderern und einer Steuerfrau besetzte Boot. Die bis dahin rückwärts gen Osten fahrende Mannschaft konnte sich dadurch entspannt umdrehen, um den Eiffelturm zu betrachten. Vom Fluss sah das 1889 zur Weltausstellung errichtete, 324 m hohe Stahlkonstrukt noch imposanter aus. Für einen Moment verschlug es den sonst nicht um einen flotten Spruch verlegenen Sportlern die Sprache.

 

Mit der Feststellung „La Tour ist ja nur acht Jahre jünger als unser Verein“, unterbrach Christian Fuchs, Instrumentenbauer, Bootswart und Weltreisender die Gemütlichkeit und regte die Weiterfahrt an. So ging es weiter, vorbei am Musée d’Orsay, einem ehemaligen Bahnhofsgebäude und dem wohl einzigen Museum der Welt mit eigenem U-Bahn-Anschluss, das aber nicht deswegen bekannt wurde, sondern wegen seiner ausgezeichneten Ausstellung französischer Malerei.

 

Wer schon immer Courbets „Ursprung der Welt“, Monets „Bassin aux nymphéas“, Gaugins „Frauen aus Thaiti“ oder van Goghs Zimmer in Arles sehen wollte, muss dem Museum seine Aufwartung machen. Der Besucher wird reich belohnt mit atemberaubender Kunst und fantastischen Impressionen.

 

Genauso belohnt wurden die Mühen der Rudermannschaft aus dem Schweizerischen Lausanne, die eine als Teufel und Engel verkleidete französische Equipe auf Höhe Place der La Concorde überholte oder die ganz in bordeauxrote Uniformen gekleidete Mannschaft der Rowing Club Chicago, die am Ende der Traversée den Pokal für die am weitesten angereist Mannschaft verdient in Empfang genommen hatte. Besonders begeistert waren die Höchster vom Wendepunkt der Fahrt, der Ille de la Cité, jener zentralen Pariser Insel, die vom Wasser aus den Blick auf den Notre Dame etwas schüchtern freigab.

 

Einige Ruderer meinten sogar den Glöckner gesehen zu haben, der in den vorbeiziehenden Booten nach Esmeralda suchte. Doch ganz sicher war man sich nicht und so genau konnte man auch nicht hinschauen, denn das Wendemanöver erforderte die volle Konzentration aller Mannschaften und Bootsführer. Im Anschluss fuhr der gesamte Tross von der Sonne getragen, umjubelt von Zuschauern auf Brücken und den Seine-Ufern vorbei an der lichtdurchfluteten Kulisse. Paris on revernit!

 

von Th. Kusch, 27.09.2011